10 Dinge, die für Sizilianer völlig normal sind – und Deutsche komplett verwirren (Teil 1)

Veröffentlicht am 31. Mai 2026 um 16:23

Je länger ich auf Sizilien bin, desto öfter merke ich, wie unterschiedlich Alltag eigentlich aussehen kann.

Nicht die großen offensichtlichen Dinge. Sondern diese kleinen Momente, bei denen man plötzlich denkt:
„Ach stimmt. Hier läuft das einfach komplett anders.“

Und ehrlich gesagt liebe ich genau das inzwischen oft an Sizilien.

Auch wenn mich manche Dinge weiterhin regelmäßig leicht aus dem Konzept bringen.

1. Öffnungszeiten sind hier eher ein grober Vorschlag

In Deutschland weiß man:
Der Laden öffnet um 9 Uhr. Also öffnet er um 9 Uhr.

Auf Sizilien ist das eher… eine gemeinsame Hoffnung.

Manchmal ist geöffnet.
Manchmal nicht.
Manchmal steht jemand davor und raucht und man weiß nicht genau, ob der Laden jetzt offen oder privat besetzt ist.

Google-Öffnungszeiten bedeuten hier übrigens absolut gar nichts.

Und Webseiten?

Meistens existieren sie einfach nicht.

Oder die letzte Aktualisierung war 2014 und zeigt ein verpixeltes Bild von irgendwem vor einem Faxgerät.

Die eigentliche Informationsquelle auf Sizilien ist sowieso:
jemanden kennen.

2. „Bis gleich“ kann alles bedeuten

Zeit funktioniert hier generell deutlich flexibler.

Wenn ein Deutscher sagt:
„Ich bin gleich da.“

Dann meint er meistens:
5 bis 10 Minuten.

Wenn ein Sizilianer sagt:
„Arrivo subito.“

Kann das bedeuten:

  • gleich
  • später
  • heute
  • irgendwann nach dem Kaffee
  • vielleicht morgen

Und das Verrückte ist:
Niemand scheint darunter zu leiden.

3. Das Leben findet draußen statt

Was mich bis heute fasziniert:
Wie viel Leben hier draußen passiert.

In Deutschland sitzen die meisten Menschen eher in ihren Wohnungen oder Häusern und verbarrikadieren sich hinter ihren Gartenhecken vor ihren Nachbarn.

Auf Sizilien sitzt plötzlich die ganze Familie vor dem Haus.

Kinder spielen bis spät nachts draußen.
Irgendwo läuft Fernsehen.
Menschen reden quer über die Straße miteinander.
Omas sitzen auf Plastikstühlen vor der Tür und beobachten alles. Ältere Herren auch, nur getrennt von den Damen. 

Und niemand scheint sich daran zu stören, dass Kinder um Mitternacht noch komplett wach sind und offensichtlich ihre beste Lebenszeit haben.

4. Siesta ist hier kein Klischee

Die erste Zeit dachte ich noch:
„Wie praktisch kann das schon sein, mitten am Tag alles zu schließen?“

Mittlerweile verstehe ich es komplett.

Nachmittags wird es still. Rollläden gehen runter. Die Straßen leeren sich und selbst Hunde wirken plötzlich erschöpft.

Während Deutsche wahrscheinlich hektisch Mails beantworten, existiert hier kollektiv eher die Einstellung:
„Wir machen später weiter.“ Und ehrlich gesagt fühlt sich diese Pause oft deutlich menschlicher an als der deutsche Modus:
durcharbeiten, weitermachen, funktionieren.

5. Haustiere haben hier oft eine andere Rolle

In Deutschland kennt gefühlt jeder jemanden, dessen Hund ein besseres Sozialleben hat als manche Menschen.

Hier auf Sizilien begegnen mir zwar überall Tiere — aber oft eher draußen als im Wohnzimmer.

Viele Menschen mögen Tiere total, aber dieses deutsche „Das ist mein emotionales Fellbaby und schläft natürlich mit im Bett“-Konzept sehe ich hier deutlich seltener.

Was wahrscheinlich auch erklärt, warum meine Katzen für manche Leute hier ungefähr denselben Stellenwert haben wie zwei leicht verwöhnte Promi-Kinder.

6. Autos werden erstaunlich kreativ repariert

Werkstätten funktionieren hier manchmal eher nach Gefühl.

In Deutschland:
Diagnosegerät, Termin, Rechnung, Ordnung.

Auf Sizilien:
irgendein Cousin schaut kurz drauf, verschwindet mit einem Schraubenzieher, Hammer, Kabelbindern und einem Espresso in der Hand und plötzlich fährt das Auto wieder.

Wie genau?
Das bleibt ein Geheimnis zwischen ihm und Gott.

7. Familienfotos gehören zum Smalltalk

Wenn man hier jemanden kennenlernt, dauert es oft nicht lange, bis plötzlich Fotos gezeigt werden.

Kinder. Enkel. Cousins. Verstorbene Eltern. Die Hochzeit der Schwester von 2009.

Und ehe man sich versieht, sitzt man irgendwo und schaut sich das komplette Familienalbum eines Menschen an, dessen Namen man noch gar nicht richtig verstanden hat.

Ich habe einmal die Enttäuschung erlebt, als ich im Gegenzug nicht sofort mein ganzes Leben und alle Menschen darin auf Bildern parat hatte. Der Fehler passiert mir nicht noch einmal. 

8. Niemand scheint leise zu existieren

Sizilien ist nicht leise.

Menschen telefonieren laut.
Diskutieren laut.
Lachen laut.
Fernseher laufen laut.
Roller fahren laut.

Die Kassiererin an der Kasse schreit durch den ganzen Laden, um ihren Bekannten an der Frischetheke zu fragen, was seine Frau heute kocht.

Und selbst einfache Gespräche klingen manchmal wie eine emotionale Familienkrise, obwohl wahrscheinlich nur über Auberginen gesprochen wird.

9. Abendessen beginnt hier gefühlt mitten in der Nacht

Meine deutsche Innere-Uhr ist auf Sizilien regelmäßig komplett verwirrt.

In Deutschland esse ich irgendwann zwischen 18 und 19 Uhr und denke:
Perfekt. Feierabend. Küche geschlossen.

Auf Sizilien scheint um diese Uhrzeit allerdings noch niemand emotional bereit für Abendessen zu sein.

Viele Restaurants öffnen vor 20 Uhr teilweise gar nicht erst. Und wenn man sich als Deutsche trotzdem schon um Punkt 20 Uhr dort hinsetzt, hat man gute Chancen, das komplette Restaurant erstmal für sich allein zu haben.

Während ich also denke:
„Wow, wie leer und angenehm hier.“

Denken die Sizilianer wahrscheinlich:
„Warum isst diese Frau mitten am Nachmittag Pasta?“

Richtig voll wird es oft erst gegen 21:30 oder 22 Uhr.

Und gleichzeitig laufen draußen noch Kinder herum, Familien sitzen auf den Straßen, Menschen essen Eis und niemand wirkt auch nur ansatzweise müde.

Während ich innerlich längst im Schlafmodus bin, beginnt Sizilien gefühlt gerade erst, wach zu werden.

10. Niemand kündigt Besuche wirklich an

Eine Sache, die mich bis heute leicht überfordert:
Menschen auf Sizilien scheinen sich deutlich spontaner gegenseitig zu besuchen.

In Deutschland wird gefühlt erstmal ein Doodle-Link erstellt, bevor jemand auf einen Kaffee vorbeikommt.

Hier funktioniert es eher so:
„Ich war gerade in der Gegend.“

Und plötzlich stehen irgendwo Cousins, Nachbarn oder Freunde in der Küche und trinken Espresso.

Überhaupt scheint Privatsphäre hier etwas lockerer interpretiert zu werden.

Menschen reden miteinander. Fragen Dinge. Interessieren sich füreinander. Und irgendwie gehört man erstaunlich schnell mit dazu.

Während Deutsche oft erstmal drei Jahre emotionalen Abstand halten, bekommt man hier nach einem kurzen Gespräch teilweise direkt Familiengeschichten, Essensempfehlungen und spontane Einladungen gleichzeitig.

Das langsame Ankommen

Ich könnte diese Liste ehrlich gesagt wahrscheinlich endlos weiterschreiben.

Über sizilianische Fahrstile allein würden vermutlich schon drei weitere Artikel entstehen.

Oder über die Tatsache, dass hier wirklich jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der genau damit weiterhelfen kann.

Je länger ich hier bin, desto öfter erwische ich mich dabei, wie ich Dinge plötzlich selbst völlig normal finde, die mich anfangs komplett irritiert haben.

Und genau das passiert wahrscheinlich automatisch, wenn man nicht mehr nur Urlaub macht, sondern anfängt, irgendwo wirklich zu leben.

Man übernimmt langsam kleine Gewohnheiten. Wird entspannter bei manchen Dingen. Und irgendwann sitzt man plötzlich selbst um 22 Uhr beim Abendessen und denkt:
„Eigentlich ist das ganz okay so.“

 
 

 

 

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