Warum Minimalismus mein Leben verändert hat

Wenn ich heute morgens die Tür meines Wohnwagens öffne und auf die Olivenbäume vor meinem Fenster schaue, frage ich mich manchmal, wie ich eigentlich hier gelandet bin. Nicht, weil ich mein Leben heute nicht liebe. Ganz im Gegenteil. Es gibt Tage, an denen ich mit meinem Kaffee in der Sonne sitze, meinen Katzen Amy und Pebbi beim Herumstreifen durch den Olivenhain beobachte und denke: Genau so soll sich mein Leben anfühlen.

Das Verrückte ist nur, dass ich früher ein völlig anderes Bild davon hatte, was mich glücklich machen würde.

 

 

Als ich Anfang zwanzig war und mein erstes eigenes Geld verdiente, tat ich das, was vermutlich viele von uns tun. Ich kaufte Dinge. Nicht übermäßig viel und auch nicht jeden Tag, aber doch regelmäßig. Mal ein neues Kleidungsstück, mal eine Tasche, mal Deko für die Wohnung oder irgendein praktisches Küchengerät, das mein Leben angeblich einfacher machen sollte. Und jedes Mal war ich überzeugt, dass genau dieses neue Teil die perfekte Ergänzung wäre.

Kennst du dieses Gefühl, wenn man etwas kauft, auf das man sich schon länger gefreut hat? Man kommt nach Hause, packt es aus und ist erst einmal richtig zufrieden. Für einen Moment fühlt sich alles gut an. Das Problem ist nur, dass dieser Moment erstaunlich kurz sein kann.

Die neue Hose wird irgendwann einfach zu einer weiteren Hose im Schrank. Die hübsche Deko steht ein paar Wochen später ganz selbstverständlich auf dem Regal. Und das Gerät, von dem man dachte, dass man es ständig benutzen würde, verstaubt irgendwann in einer Schublade.

Trotzdem hatte ich lange das Gefühl, dass mir noch etwas fehlt. Vielleicht kennst du das auch. Man denkt, wenn man nur noch dieses eine Teil hätte, dann wäre alles komplett. Die Garderobe wäre perfekt. Die Wohnung wäre endlich fertig eingerichtet. Das Leben wäre irgendwie runder.

Natürlich war das nie der Fall.

Denn sobald die eine Sache da war, tauchte schon die nächste auf.

Als mein Kleiderschrank mir die Augen öffnete

Rückblickend begann alles mit einem ganz normalen Kleiderschrank.

Eines Tages wollte ich morgens etwas herausnehmen und bekam dabei fast den gesamten Inhalt entgegengeworfen. Damals fand ich das zunächst nur nervig. Als ich anschließend die halb heruntergefallenen Kleiderbügel wieder einsortierte, wurde mir allerdings etwas bewusst: Ich besaß unglaublich viele Dinge und nutzte davon nur einen Bruchteil.

Trotzdem hatte ich regelmäßig das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben.

Allein dieser Gedanke ist eigentlich schon absurd. Wie kann ein Schrank überquellen und man trotzdem vor ihm stehen und denken, dass einem etwas fehlt?

Genau diese Frage ließ mich nicht mehr los.

Kurz darauf las ich Magic Cleaning von Marie Kondō und begann auszumisten. Eigentlich wollte ich nur etwas Ordnung schaffen. Ich hatte nicht vor, mein Leben zu verändern. Ich wollte lediglich weniger Chaos im Schrank haben.

Dass daraus einmal mein Blog, mein Lebensstil und letztlich sogar mein Umzug nach Sizilien entstehen würden, hätte ich damals nie erwartet.

Während ich mich durch Schubladen, Regale und Kisten arbeitete, passierte nämlich etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Mit jedem Gegenstand, der meine Wohnung verließ, fühlte ich mich ein kleines bisschen leichter. Es war, als würde nicht nur in meinen Räumen Platz entstehen, sondern auch in meinem Kopf.

Heute klingt das vielleicht etwas pathetisch, aber damals war dieses Gefühl für mich völlig neu.

Es ging nie wirklich um die Dinge

Je länger ich mich mit Minimalismus beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass es eigentlich nie um Kleidung, Bücher oder Dekoration ging.

Natürlich war das Ausmisten der Anfang. Aber irgendwann stellte ich fest, dass ich dieselben Fragen, die ich meinen Dingen stellte, plötzlich auch meinem Alltag stellte.

Brauche ich das wirklich?

Macht mich das wirklich glücklich? Oder habe ich mich einfach daran gewöhnt?

Diese Fragen tauchten plötzlich überall auf.

Bei Terminen.

Bei Verpflichtungen.

Bei Gewohnheiten.

Und sogar bei meinen Zukunftsplänen.

Zum ersten Mal begann ich darüber nachzudenken, wie ich eigentlich leben wollte, wenn ich einmal all die Erwartungen anderer ausblende.

Das war gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn viele von uns verbringen Jahre damit, einem Bild hinterherzulaufen, das wir irgendwann übernommen haben. Ein größeres Haus, mehr Besitz, mehr Erfolg, mehr Sicherheit. Dabei halten wir selten inne und fragen uns, ob wir all diese Dinge überhaupt selbst wollen.

Wie aus weniger plötzlich mehr wurde

Das Interessante war, dass sich mein Leben durch den Minimalismus nicht kleiner anfühlte. Ehrlich gesagt passierte eher das Gegenteil.

Je mehr Dinge gingen, desto mehr Raum entstand für andere Dinge.

Ich hatte mehr Zeit, weil ich weniger aufräumen musste. Ich hatte mehr Geld, weil ich bewusster konsumierte. Und ich hatte mehr Ruhe, weil nicht ständig irgendwo etwas lag, erledigt oder organisiert werden wollte.

Vor allem aber gewann ich etwas zurück, das mir vorher gar nicht gefehlt hatte.

Freiheit.

Nicht die große Freiheit, die man aus Filmen kennt. Keine dramatische Kündigung, kein spontaner Neuanfang über Nacht. Sondern die leise Art von Freiheit. Die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit, Dinge loszulassen. Die Freiheit, sich nicht ständig mit anderen vergleichen zu müssen.

Warum Minimalismus mich letztlich nach Sizilien geführt hat

Wenn ich heute auf die letzten Jahre zurückblicke, dann bin ich überzeugt, dass ich ohne Minimalismus niemals dort gelandet wäre, wo ich heute bin.

Nicht weil Minimalismus automatisch dazu führt, dass man auswandert oder in einem Wohnwagen lebt. Sondern weil er mich gelehrt hat, vieles zu hinterfragen.

Warum sollte ich mein Leben nach Vorstellungen gestalten, die gar nicht meine eigenen sind?

Warum sollte ich auf später warten, wenn ich schon heute Schritte in die Richtung gehen kann, die sich richtig anfühlt?

Natürlich bin ich nicht eines Morgens aufgewacht und direkt nach Sizilien gezogen. So funktionieren Veränderungen selten. Meistens beginnen sie mit kleinen Entscheidungen, die zunächst völlig unspektakulär wirken.

Eine Kiste wird ausgemistet.

Eine Gewohnheit verändert sich.

Ein Gedanke setzt sich fest.

Und irgendwann merkt man, dass man sich viel weiter bewegt hat, als man ursprünglich dachte.

Heute lebe ich mit meinen beiden Katzen zwischen Olivenbäumen, arbeite ortsunabhängig und beobachte, wie auf unserem Grundstück hoffentlich das Haus entsteht, von dem ich früher nur geträumt habe.

Manchmal sitze ich hier und kann selbst kaum glauben, dass all das irgendwann mit einem überfüllten Kleiderschrank begonnen hat.

Was wirklich geblieben ist

Das Lustige ist, dass ich mich an die meisten Dinge, die ich damals aussortiert habe, längst nicht mehr erinnern kann. Ich weiß weder, welche Kleidungsstücke gegangen sind, noch welche Dekoration ich verschenkt oder verkauft habe.

Was geblieben ist, ist etwas völlig anderes.

Das Gefühl von Leichtigkeit.

Die Gewissheit, dass ich genug habe.

Und die Erkenntnis, dass Glück erstaunlich selten in dem liegt, was wir noch zusätzlich brauchen.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die mir Minimalismus geschenkt hat. Nicht, dass man möglichst wenig besitzen sollte. Nicht, dass jeder in einen Wohnwagen ziehen oder nach Sizilien auswandern muss. Sondern dass wir uns viel öfter fragen dürfen, was für uns persönlich eigentlich genug ist.

Denn irgendwann habe ich verstanden, dass das Gegenteil von Mangel nicht Überfluss ist.

Das Gegenteil von Mangel ist genug.

Und genau dort beginnt für mich bis heute das Gefühl von Freiheit.

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